
Wir leben in einer Welt, die uns ständig einredet, dass wir nur fest genug an einer Sache arbeiten müssen, um sie zu erreichen. Höher, schneller, weiter, öfter. Doch auf der Yoga-Matte – und im Leben – stossen wir oft mit dieser Brecheisen-Methode schnell an unsere Grenzen. Manchmal liegt der Schlüssel zum Fortschritt nämlich nicht im Weitermachen, sondern im Mut zu einer bewussten Pause.
Wenn zu viel Ehrgeiz mich blockiert
Wer Yoga übt kennt das: Eine bestimmte Asana fasziniert dich, und du willst sie meistern. Bei mir war das lange der Kopfstand (Sirsasana). Ich habe ihn wieder und wieder geübt, mit viel Ehrgeiz – und kam einfach nicht weiter. Kennst du diese Frustration, wenn sich trotz harter Arbeit kein Fortschritt zeigt, sondern sich stattdessen nur Unsicherheit und Unbehagen breitmachen?
Irgendwann traf ich eine Entscheidung: Ich liess den Kopfstand komplett sein. Ich strich die Pose für eine ganze Weile radikal aus meiner Praxis. Ich habe jedoch keineswegs mit Yoga aufgehört; ich bin meiner Yoga-Praxis treu geblieben, habe weiter geatmet, mich bewegt und die Matte ausgerollt. Aber ich habe die feste Idee losgelassen, diesen einen Zustand jetzt unbedingt können zu müssen.
Und dann passierte das Unerwartete: Monate später – ich hatte den Kopfstand schon fast vergessen – versuchte ich es spielerisch und ohne jede Erwartung noch einmal. Und plötzlich stand ich im Kopfstand. Ganz stabil. Ohne Wackeln, ohne Angst, ohne Unbehagen.
Fortschritt passiert im Hintergrund
Diese Erfahrung hat mich beeindruckt. Sie hat mir gezeigt: Fortschritt kommt manchmal genau dann, wenn wir aufhören, an der Sache zu zerren. Während wir scheinbar pausieren, arbeitet unser System im Hintergrund weiter. Muskeln regenerieren, das Nervensystem verarbeitet die Bewegungsmuster, und der Geist lässt die Blockade los, die uns vorher eingeengt hat.
Wenn wir eine bestimmte Idee oder ein starres Ziel loslassen, schaffen wir überhaupt erst den Raum, den der Körper braucht, um über sich hinauszuwachsen. Wir üben dadurch nicht weniger intensiv, aber wir üben mit mehr Vertrauen in den Prozess. Wenn der Druck geht, kommt die Leichtigkeit von ganz allein.
Nach der Pause ist vor dem Anfangen
Ab und zu hören ich von Menschen, die bei mir üben und eine Pause einlegen mussten, den Satz: «Ich fange wieder von vorne an.» Dann schmunzle ich, weil ich bei den Menschen in der Stunde immer sehe, dass das ganz und gar nicht so ist. Der Körper erinnert sich immer an Bewegungen, den ruhigen Geist, an entspannte Zustände. Ich habe in den letzten Jahren dieses Vertrauen gewonnen. Auch wenn ich im Juli keine einzige Asana mache, wenn ich im August wieder beginne, ist alles Wichtige noch da. Klarer und bewusster.
Genau dieses Vertrauen möchte ich mit dir auf der Matte teilen. Meine Klassen in Boll sind kein Trainingslager, in dem wir eine Asana nach der anderen abhaken müssen. Ich freue mich auf dich im August!
Manchmal ist das Produktivste, was du tun kannst, dich auszuruhen.
